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Mitgefühl mit dem Kinder-Unterhemd

Donnerstagmorgen, kurz vor sieben Uhr. Ich bin am Vorbereiten des Frühstücks. Da ruft mich mein bald sechsjähriger Sohn mit klagender Stimme, ich solle ihm beim Anziehen helfen. Er hatte sich gestern ein Unterhemd ausgesucht, weil da ein Dinosaurier drauf ist. Da es zu kurz ist, rutscht es immer wieder aus der Hose raus. Das findet er heute doof.

Ich möchte, dass er flott fertig wird. Schließlich wollen wir heute pünktlich zur Schule aufbrechen. Also unterbreche ich meine Tätigkeit in der Küche, gehe zum Kinderzimmer und helfe ihm. „…so.“, sage ich, nachdem ich es in seine Hose gestopft habe. „Unterhemd ist reingestopft. Aber es wird bestimmt nicht drin bleiben wollen…“ und schon bin ich wieder auf dem Weg zurück in die Küche.

Kaum in der Küche, kommt ein klagender Ruf um Hilfe. Leicht genervt stapfe ich von der Küche wieder zum Kinderzimmer. Kein Kind da. Ich schaue ins Badezimmer…. nichts. Bis ich ihn versteckt in einer dunklen Ecke hinter Jacken bei der Garderobe entdecke.

„Was machst Du denn da…?“ – keine Antwort.

„Mach dass Du sofort da raus kommst und zieh Dich fertig an, ich möchte heute pünktlich losfahren!“, schnauze ich ihn an. Was macht er? Verzieht den Mundwinkeln nach unten und bleibt sitzen.

Früher, vor GfK-Zeiten, wäre die Situation schnell eskaliert. Zuerst geht das mit Argumenten: „Du hast es gestern doch schon angehabt. Also stell Dich heute nicht so an“. Das funktioniert bei Kindern nicht. Deshalb ist die nächste Stufe dann ein: „Mach sofort(!) dass Du da raus kommst!“. Weiter geht es mit noch mehr Druck und Lautstärke. Bis ich ihn gepackt und aus dem Versteck gezogen hätte. Im großen Finale würde mein Sohn heulen und ich wäre genervt von diesem „beschissenen Morgen wegen des beschissenen Unterhemds“. Da er dann heulend sich wohl nicht unbedingt schneller angezogen hätte, wäre der nächste Stress vorprogrammiert…

Statt dessen habe ich mich für Einfühlung entschieden. Ich gehe vor ihm in die Hocke.

„Bist Du sauer, weil Dein Unterhemd zu kurz ist und es Dir wieder aus der Hose gerutscht ist?“. Er nickt, Mundwinkel noch weiter unten und feuchte Augen.

„Was möchtest Du jetzt, dass ich tue? Soll ich mit dem Unterhemd schimpfen?“. Er nickt. Diese uralte Taktik hilft ihm, wenn Dinge, die ihn ärgern, Schimpfe vom Papa bekommen.

„Schimpf schimpf, Unterhemd.“, sage ich zum Unterhemd gewandt. „Was fällt Dir ein, einfach wieder aus der Hose raus zu kommen!“. Er schaut etwas erleichtert. Damit ist es für mich nicht getan, denn das Konzept von „böses Unterhemd“ das Schimpfe „verdient“ möchte ich nicht stehen lassen.  Ich schaue meinen Sohn deshalb mit einem gespielt erstaunten Blick an:

„Du, das Unterhemd hat gerade zu mir gemeint, dass es schon immer so lange gewesen ist wie jetzt. Aber es meint, dass Du gewachsen bist. Stimmt das, bist Du größer geworden?“

Er nickt stolz.

„Es fragt sich etwas besorgt, wie groß Du noch werden willst?“

Er reckt seine Händen weit über den Kopf. Aha, er will also noch sehr groß werden.

„Das Unterhemd freut sich, dass es wenigstens Deinen Bauch noch ganz bedecken kann und genießt das voll, auch wenn es immer aus der Hose rutscht. Es fragt, ob es heute so bleiben darf?“. Er nickt. Lächelt. Steht auf und zieht sich fertig an.

Wenig später sitzt ein gut gelaunter Junior am Frühstückstisch. Ich bin gut gelaunt. Das Unterhemd hat für heute seinen Frieden und wird demnächst wohl aussortiert. Wir sind ohne Stress pünktlich zur Schule gekommen.

Das alles hätte ich vor der Gewaltfreien Kommunikation nicht gekonnt. Da wäre das Gespräch in Ärger, Anschreien und Gewalt verlaufen. Ich bin für das Wunder der GfK so dankbar!