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Die Natur der Wirklichkeit (Video)

Beim Rumstöbern auf YouTube bin ich auf eine sehr interessante und gut verständliche Diskussion über die Natur der Wirklichkeit gestoßen.

Geführt wird die Diskussion auf der einen Seite von Alan Wallace. Er ist Buchautor, buddhistischer Geehrter und Schüler von Dalai Lama. Auf der anderen Seite ist Sean Carroll, ebenfalls Buchautor und theoretischer Physiker.

Sie diskutieren die Natur der Wirklichkeit aus jeweils deren Wertesystem: dem mechanistischen Weltbild unserer westlichen Welt und dem spirituellen Weltbild mit seinem Ursprung im asiatischen Raum.

Um den Bogen zur Gewaltfreien Kommunikation zu spannen – in diesem Video wird deutlich, wie sehr wir von unseren grundlegenden Wertesystemen durchdrungen sind. Diese spannen einen Raum auf aus Glaubenssätzen, die wir mit „Wissen“ verwechseln. Dadurch entstehen in unseren Köpfen Filter, die bestimmen, was wir verstehen und als richtig anerkennen – und was nicht. In der Regel ist uns nicht bewusst, dass dieses Wertesystem am Wirken ist.

In der GfK akzeptieren wir, dass es keine allgemeine Wahrheit gibt und jeder seine eigene „Wirklichkeiten“ erschafft. Selbst wenn wir in unserer jeweils eigenen und individuellen Wirklichkeit leben – wir alle teilen den selbe Satz an Bedürfnissen.

Mit dieser offenen Einstellung bauen wir Brücken und schaffen eine tiefe zwischenmenschliche Verbindung.

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Charles Eisenstein über Gewalt und Change

Kennt Ihr Charles Eisenstein? Ein Philosoph mit klarer Vision von einer friedlichen Welt.

Wenn Ihr dieses Video von Charles anschaut – versucht mal zu hören, wie viel von dem was er sagt, „GfK“ ist. Und Ihr werdet die tiefen Grundprinzipien der Gewaltfreien Kommunikation in (beinahe) jedem Wort wiederfinden.

Er umschreibt die Haltung der GfK: „Du bist ok, ich bin ok“ – auch wenn es um Menschen geht, denen wir kritisch gegenüber stehen. Beispielsweise Links- oder Rechtsradikalen, Donald Trump, Kriminellen. Es geht ihm um wahre Empathie, um Bedürfnisse und um das Entstehen von Strategien, die lebensdienlicher sind als viele, die wir Menschen zur Zeit verwenden.

Was mir gefällt sind seine vielen Zitate und Denkweisen, die ich auch von anderen spirituellen Lehrern gehört habe. Beispielsweise von Eckhart Tolle:

Wir erschaffen, was wir bekämpfen. Im Kampf gegen den Terror erzeugen wir Terror. Im Kampf gegen Gewalt erzeugen wir noch mehr Gewalt.

Und: „Wir in unserer Gesellschaft bekämpfen die Symptome – selten die Ursachen“.

Ich mag die Weisheit und Hartnäckigkeit von diesem Mann.

Ich darf bewerten!

In der gewaltfreien Kommunikation gehören „Bewertungen vs. Beobachtungen“ zu den sogenannte Schlüsselunterscheidungen. Damit es nicht zu akademisch wird, ein Beispiel:

Mein Bekannter und ich hatten uns um 15 Uhr verabredet. Als ich 5 Minuten später zum Treffpunkt komme, werde ich mit bösem Blick und ärgerlicher Stimme begrüßt: „Du bist zu spät!“.

Im Wertesystem meines Bekannten ist minutengenaue Pünktlichkeit und das exakte Einhalten von getroffenen Vereinbarungen höchstes Gut. Ich selbst werde stocksauer, denn für mich sind fünf Minuten später als vereinbart absolut im Rahmen und kein Grund für so eine Begrüßung! Bei dem „…zu spät!“ habe ich eine Wertungen/Interpretation meines Verhaltens gehört. Da ich diese Wertung nicht teile, löst sie bei mir Ablehnung aus. So beginnt ein Konflikt…

Verknüpfen wir Beobachtung mit Bewertung, neigen die Menschen eher dazu, Kritik zu hören (Marshall Rosenberg).

Soll ich also nicht mehr bewerten? – Manche Anfänger in der GfK versuchen verkrampft, ihre Wertungen zu unterdrücken und üben sich in Selbstkritik, wenn es ihnen nicht gelingt.

Dabei können wir ganz entspannt akzeptieren, dass wir werten. Es geht auch nicht ohne. Jeder von uns tut es tausend Mal am Tag. Dabei bewerten wir andere Menschen und Situationen blitzschnell und unbewusst. Lange bevor der Verstand zu rattern anfängt.

Bewertungen an sich sind nicht schlecht. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass wir es tun. Und uns im Hinterkopf behalten, dass unsere eigene Bewertung von dem unseres Gegenübers abweichen wird. Das fängt schon damit an, dass eine rein objektive Beobachtung nicht die Regel ist – Beobachtungen häufig subjektiv. Und die darauf aufbauenden Bewertungen werden beeinflusst durch das innere, dem Gegenüber unbekannten Wertesystem.

Was mache ich mit meinen Bewertungen?

Angenommen, ich sehe bei meinem Gegenüber Augenringe. Wenn ich daraufhin zu ihm feststelle: „Du bist müde!“, dann habe ich eine erstklassige Diagnose abgegeben – und die vorangegangene Beobachtung unterschlagen.

In der gewaltfreien Kommunikation üben wir uns darin, unsere subjektive aber wertfreie Beobachtung von unserer Bewertung zu trennen – wie wenn wir ein Ei aufschlagen und das Eigelb vom Eiweiß trennen. Und da wir uns bewusst sind, dass unsere Bewertung daneben liegen kann, formulieren wir sie als geschlossene Frage:

„Ich sehe bei Dir Augenringe. Bist Du müde?“.

So gekennzeichnet kann der Andere auf diese Bewertung Bezug nehmen, ohne dass er Kritik gehört hat. Das ermöglicht eine ganz andere Qualität in der Kommunikation.

Vokabular an Bedürfnissen

Der zentrale Aspekt in der gewaltfreien Kommunikation ist die Wahrnehmung und das Ausdrücken der Bedürfnisse, die einem Handeln zugrunde liegen. Alles, was ein Mensch tut, hat gute Gründe und ist ein Versuch, seine Bedürfnisse zu erfüllen.

Die Kommunikation von Bedürfnissen schafft Verbindung. Denn sie sind universell: jeder Mensch egal welcher Herkunft, Kultur, Geschlecht oder Hautfarbe teilt sie und kann sie verstehen. In Konflikten streiten wir oft über die Strategie, ein Bedürfnis zu erfüllen. So entsteht keine Verbindung und kein Verstehen.

Wir erkenne echte Bedürfnisse daran, dass sie folgende Eigenschaften erfüllen: Sie sind…

  • unabhängig von einer bestimmten Person, einem bestimmten Ort, einer bestimmten Zeit
  • kann jeder nachvollziehen/ zustimmen, universeller Charakter (vielleicht göttlich)
  • werden formuliert als: „Ich brauche…“, „Mir ist…. wichtig/ wertvoll.“
  • erfüllte/ unerfüllte Bedürfnisse sind die Ursachen/ Wurzeln für unsere Gefühle

Marshall B. Rosenberg hat die Bedürfnisse in diese sieben Kategorien geordnet – die ich entsprechend der Pyramide von Maslow versucht habe, ich eine für mich logische Reihenfolge zu bringen:

  1. Integrität (Authentizität, Kreativität, Sinn, Selbstwert, die möglichst weitgehende Übereinstimmung zwischen den eigenen Idealen und Werten und der tatsächlichen Lebenspraxis)
  2. Autonomie (selbst bestimmt zu handeln)
  3. Spiritualität (Sinn, Schönheit, Harmonie, Inspiration, Struktur/Klarheit, Frieden)
  4. Feiern (freudig wie traurig)
  5. Spiel (Freude, Lachen)
  6. Kontakt mit anderen (Akzeptieren, Wertschätzung, Nähe, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Rücksichtnahme, Respekt, Unterstützung, Vertrauen, Verständnis, Liebe, Empathie, Ehrlichkeit)
  7. Nähren der physischen Existenz (Luft, Nahrung, Trinken, Sexualität, Bewegung, körperliche Unversehrtheit, Ruhe, Körperkontakt)

Es wäre natürlich langweilig, wenn wir im Gespräch immer nur sagen würden, „Ich brauche Autonomie!“ – damit wir einen reichhaltigeren Wortschatz an Bedürfnissen haben, könnt Ihr bei den Materialien eine Liste von Bedürfnis-Begriffen herunter laden.

Angenehme Gefühle

Umgangssprachlich teilen wir die Gefühlswelt in „gute und schlechte“ Gefühle ein. In der GfK sprechen wir eher von angenehmen und unangenehmen Gefühlen.

Gefühle sind körperlich spürbare Hinweise auf erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse. Beide Arten der Gefühle sind für uns wichtig  – sowohl die angenehmen, wenn sich Bedürfnisse erfüllen, als auch die unangenehmen.

Im Alltag fokussieren wir uns gerne eher auf die unerfüllten Bedürfnisse. Dann sind wir ärgerlich, frustriert oder irritiert. Sind wir nicht ärgerlich, frustriert oder irritiert, fällt uns oft nicht auf, wie wir uns fühlen. Auf Nachfrage kommt dann vielleicht ein „zufrieden“ oder „ganz ok“.

Ich meine, unser Vokabular an Gefühlsworten für angenehmen Gefühle könnte gerne etwas weiter entwickelt werden. Das hilft im Dialog, damit andere besser verstehen können, wie es in uns aussieht. Wenn wir unsere Gefühle genauer benennen können, bringt es uns auch mehr in Kontakt mit uns selbst. Und: es setzt für uns selbst mehr den Fokus auf die Fülle.

Stellen sich angenehme Gefühle ein, ist das einen Anlass zum Feiern. Denn jetzt gerade hat sich eines Deiner Bedürfnisse erfüllt. Ist das nicht Wundervoll?

Hier findest Du eine Liste von angenehmen Gefühlen: Liste mit angenehmen Gefühle

Ich freue mich über jeden Hinweis, falls Du Lücken findest!

Gut und Böse – Putin, Trump, Linke, Rechte

In den Medien wird mit Genuss ausgeteilt gegen Menschen, die wir in Bezug auf unsere Gesellschaft als „Böse“ bewerten. Trump, Putin, AfD-Unterstützer, Linke, Rechte, Terroristen,…

In der Gewaltfreien Kommunikation verabschieden wir uns vom Konzept, die Welt in „Gut“ oder „Böse“ einzuteilen. Denn dieses Konzept trennt Menschen. Es gibt nur Bedürfnisse. Und Strategien, diese zu erfüllen. Die Strategien sind manchmal förderlich, nämlich dann, wenn die Bedürfnisse aller Beteiligten gehört und erfüllt werden. Oder die Strategien sind eben nicht lebensförderlich.

Wenn wir das verstehen, dann verlieren Putin, AfD, Trump und Holocaust-Leugner ihren Schrecken. Und hinter der Fassade erscheint das bisschen Mensch, das wir alle sind. Mit unseren Wertungen, Glaubenssätzen, Gefühlen, Bedürfnissen und Möglichkeiten. In jedem Moment.

Wenn wir die Menschen sehen, die etwas tun was komplett gegen unsere Werte verstößt, dann bedeutet GfK nicht, dass wir deren Aussagen tolerieren! Statt allerdings voller ohnmächtiger Wut zurück zu schlagen, verbal oder physisch, gibt uns die GfK die Werkzeuge an die Hand, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, indem wir uns mit unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verbinden. Um dann die Bedürfnisse des anderen zu sehen und anzusprechen. Wir erkennen an, dass dieser Mensch in diesem Moment keinen anderen und für sich besseren Weg gefunden hat, sein Bedürfnis zu erfüllen…

Wir können zum Frieden in der Welt beitragen, indem wir Krieg und Trennung in unser persönliches Umfeld und auf die Stammtischen tragen. Statt auf „böse Menschen“ verbal einzudreschen können wir von den Bedürfnissen erzählen, welche sich durch die Handlungen dieser Personen bei uns nicht erfüllen.

Was ich auch noch hinzufügen möchte: Hitler, Putin, Trump und andere sind nicht das Problem. Sie alle haben keine Macht! Ihnen wird Macht verliehen. Durch unzählige Menschen, die bereitwillig Befehle ausführen. Es ist viel zu einfach, unseren Zorn auf einzelne Menschen zu lenken. Stellt Euch vor es wird eine Mauer zwischen USA und Mexiko beauftragt – und keiner geht hin sie zu bauen. Stellt Euch vor es werden Schlägertrupps beauftragt, Regierungsgegner nieder zu schlagen. Und niemand erfüllt diese Befehle. Wie ohnmächtig werden dann die Regierungs-Bosse sein?

Lest zu diesem Thema ein tolles Interview mit Marshall Rosenberg:

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Mitgefühl mit dem Kinder-Unterhemd

Donnerstagmorgen, kurz vor sieben Uhr. Ich bin am Vorbereiten des Frühstücks. Da ruft mich mein bald sechsjähriger Sohn mit klagender Stimme, ich solle ihm beim Anziehen helfen. Er hatte sich gestern ein Unterhemd ausgesucht, weil da ein Dinosaurier drauf ist. Da es zu kurz ist, rutscht es immer wieder aus der Hose raus. Das findet er heute doof.

Ich möchte, dass er flott fertig wird. Schließlich wollen wir heute pünktlich zur Schule aufbrechen. Also unterbreche ich meine Tätigkeit in der Küche, gehe zum Kinderzimmer und helfe ihm. „…so.“, sage ich, nachdem ich es in seine Hose gestopft habe. „Unterhemd ist reingestopft. Aber es wird bestimmt nicht drin bleiben wollen…“ und schon bin ich wieder auf dem Weg zurück in die Küche.

Kaum in der Küche, kommt ein klagender Ruf um Hilfe. Leicht genervt stapfe ich von der Küche wieder zum Kinderzimmer. Kein Kind da. Ich schaue ins Badezimmer…. nichts. Bis ich ihn versteckt in einer dunklen Ecke hinter Jacken bei der Garderobe entdecke.

„Was machst Du denn da…?“ – keine Antwort.

„Mach dass Du sofort da raus kommst und zieh Dich fertig an, ich möchte heute pünktlich losfahren!“, schnauze ich ihn an. Was macht er? Verzieht den Mundwinkeln nach unten und bleibt sitzen.

Früher, vor GfK-Zeiten, wäre die Situation schnell eskaliert. Zuerst geht das mit Argumenten: „Du hast es gestern doch schon angehabt. Also stell Dich heute nicht so an“. Das funktioniert bei Kindern nicht. Deshalb ist die nächste Stufe dann ein: „Mach sofort(!) dass Du da raus kommst!“. Weiter geht es mit noch mehr Druck und Lautstärke. Bis ich ihn gepackt und aus dem Versteck gezogen hätte. Im großen Finale würde mein Sohn heulen und ich wäre genervt von diesem „beschissenen Morgen wegen des beschissenen Unterhemds“. Da er dann heulend sich wohl nicht unbedingt schneller angezogen hätte, wäre der nächste Stress vorprogrammiert…

Statt dessen habe ich mich für Einfühlung entschieden. Ich gehe vor ihm in die Hocke.

„Bist Du sauer, weil Dein Unterhemd zu kurz ist und es Dir wieder aus der Hose gerutscht ist?“. Er nickt, Mundwinkel noch weiter unten und feuchte Augen.

„Was möchtest Du jetzt, dass ich tue? Soll ich mit dem Unterhemd schimpfen?“. Er nickt. Diese uralte Taktik hilft ihm, wenn Dinge, die ihn ärgern, Schimpfe vom Papa bekommen.

„Schimpf schimpf, Unterhemd.“, sage ich zum Unterhemd gewandt. „Was fällt Dir ein, einfach wieder aus der Hose raus zu kommen!“. Er schaut etwas erleichtert. Damit ist es für mich nicht getan, denn das Konzept von „böses Unterhemd“ das Schimpfe „verdient“ möchte ich nicht stehen lassen.  Ich schaue meinen Sohn deshalb mit einem gespielt erstaunten Blick an:

„Du, das Unterhemd hat gerade zu mir gemeint, dass es schon immer so lange gewesen ist wie jetzt. Aber es meint, dass Du gewachsen bist. Stimmt das, bist Du größer geworden?“

Er nickt stolz.

„Es fragt sich etwas besorgt, wie groß Du noch werden willst?“

Er reckt seine Händen weit über den Kopf. Aha, er will also noch sehr groß werden.

„Das Unterhemd freut sich, dass es wenigstens Deinen Bauch noch ganz bedecken kann und genießt das voll, auch wenn es immer aus der Hose rutscht. Es fragt, ob es heute so bleiben darf?“. Er nickt. Lächelt. Steht auf und zieht sich fertig an.

Wenig später sitzt ein gut gelaunter Junior am Frühstückstisch. Ich bin gut gelaunt. Das Unterhemd hat für heute seinen Frieden und wird demnächst wohl aussortiert. Wir sind ohne Stress pünktlich zur Schule gekommen.

Das alles hätte ich vor der Gewaltfreien Kommunikation nicht gekonnt. Da wäre das Gespräch in Ärger, Anschreien und Gewalt verlaufen. Ich bin für das Wunder der GfK so dankbar!