Gibt es „Die Banalität des Bösen“?

Kennt Ihr das Milgram-Experiment? Im Jahr 1961 wurden 40 Erwachsene eingeladen, bei einem „Experiment“ teilzunehmen. Tatsächlich waren sie selber das Testobjekt. Das wussten sie allerdings nicht. Der US Psychologe Stanley Milgram wollte mit seinem Experiment den Gehorsam gegenüber Obrigkeiten untersuchen.

Die Teilnehmer übernahmen die Rolle eines Lehrers, der einem, ihnen im weiteren Verlauf nicht sichtbaren „Schüler“ Testfragen stellten. Bei falschen Antworten gaben sie ihm zur Bestrafung einen Stromstoß – mit Stromstärken von unangenehm bis tödlich.

65 Prozent der Teilnehmer gingen bis zum Äußersten. Und das taten sie, obwohl der „Schüler“ schrie, bettelte und ab einer gewissen Stromstärke keinen Mucks mehr tat. Dabei war es unerheblich, welches Geschlecht, welche soziale Stellung und welche Fähigkeit zur Empathie die Teilnehmer hatten. Äußerten sie moralische Zweifel, so bekamen sie von der anwesenden Autorität (dem Leiter des Experiments) Aufforderungen, weiter zu machen – beispielsweise: „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“.

Im Jahr 2008 wurde dieses Experiment wiederholt. Gestartet mit der Hoffnung, dass die Menschheit inzwischen weniger Obrigkeitshörig sei – jedoch zeigten sich die selben Resultate. Es hat sich also (noch) nichts am Gehorsam gegenüber Autoritäten geändert.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wie passt das zusammen mit der Grundannahme der Gewaltfreien Kommunikation, dass Menschen altruistisch sind und keiner einem anderen Gewalt antun möchte? Keiner der „Lehrer“ in dem Experiment hätten negative Konsequenzen zu fürchten gehabt, falls sie aus dem Experiment ausgestiegen wären. Und dennoch machten sie weiter.

Das passt zu der Erklärung von Alice Miller (siehe meinen letzten Beitrag): Viele Menschen haben als Kinder gelernt, sich Autoritäten unterzuordnen. Das typische Bild ist das des geliebten, gerechten aber auch „streng durchgreifenden“ Vaters. Der bestraft, wenn das Kind seinen Anordnungen zuwider gehandelt hat. Und als Kind wird fürs ganze Leben gelernt, dass Gehorsam vor Strafe schützt. Wird der Gehorsam schon automatisch und vorauseilend gezeigt, dann nennen wir es Pflichtbewusst.

Ein so verinnerlichtes Muster verschwindet beim Erwachsenwerden nicht, sondern wirkt weiter. Wobei wir die Rolle des Vaters unbewusst übertragen auf alle, die wir in der Hierarchie über uns einstufen: Polizisten, Richter, Ärzte, Vorgesetzte, Bundesbeamte oder sonstige „Obrigkeiten“.

Amtssprache

Als die Teilnehmer des Milton-Experiments am Ende gefragt wurden, wieso sie so agierten und nicht ausgestiegen sind, sagten sie: „Ich musste es tun. Er [der Versuchsleiter] hat mir gesagt, dass ich es tun sollte!„.

Marshal Rosenberg nannte diese Art von (Wolfs-)Sprache „Amtssprache“, die mit Ausdrücken daher kommt wie:

  • Ich muss/musste es tun!
  • Ich habe/hatte keine Wahl!
  • Du musst/sollst…!
  • Man muss/soll…! / Das gehört sich so!
  • Das ist Anweisung von „oben“ / vom Vorgesetzten!
  • Das muss so sein, denn es ist Unternehmensrichtlinie/Gesetz!
  • Es gibt nun einfach mal Dinge, die man tun muss!

Die Amtssprache verneint Verantwortung und Wahlfreiheit. Dadurch erkennen wir die Autorität des anderen an, schieben ihm bequem die Verantwortung zu und werden so zu unfreien Menschen.

Wie kommen wir da raus?

Wir kommen dadurch heraus, indem wir uns bewusst machen, dass wir immer(!) Wahlmöglichkeit und Verantwortung haben. In jedem Moment. Indem wir stets handeln im Einklang mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen. Das erfordert Arbeit an uns selbst und Achtsamkeit im Handeln.

In Deutschland wurde das Experiment übrigens ebenfalls durchgeführt. Hier waren 85 Prozent der „Lehrer“ bereit, sich der Autorität unterzuordnen und tödliche Stromstöße zu verabreichen. Dieses Pflichtgefühl und den damit einhergehenden Gehorsam in der breiten Bevölkerung werden als eine der Säulen angesehen, auf die sich Weltkrieg und  NS-Gräuel stützen konnten. Diese Säulen waren mit Ende des Weltkriegs nicht verschwunden, sondern sie wirken immer weiter. Auch heute noch, wenn auch abgeschwächt. Durch den Prozess der Bewusstwerdung, den auch die Beschäftigung mit der Gewaltfreien Kommunikation unterstützt, können wir diesen Teufelskreis durchbrechen und so zukünftigen Kriegen und Völkermorden die Grundlage entziehen.

Was offen bleibt…

Für mich persönlich bleiben viele Fragen offen: Wie stehe ich selbst zu Autoritäten? Bin ich im Krankenhaus der brave Patient, der sich den Anweisungen der Ärzten fügt? Verhalten sich viele Ärzte (besonders Ober- und Chefärzte) nicht wie Vaterfiguren (liebevoll, gerecht, streng, autoritär?) und übernehmen so unbewusst ihre Rolle im Spiel? Und: Wie hätte ich mich in dem Milton-Experiment verhalten?

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Autor: Martin

Veganer Weltverbesserer.

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